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DATE : 19. Januar 2005 10:11:34 MEZ
SUBJECT : Zum Tod von Christine Perthen - Nachruf
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Zum Tod von Christine Perthen - Nachruf

Zum Tod von Christine Perthen - Professorin im Fachgebiet Mode-Design 21.07.1948 - 30.12.2004

Nachruf von Professor Max Görner

"Sechs Monate Sorge, Angst und schließlich Qual sind am 30. Dezember mit dem Jahr 2004 für immer für Christine Perthen zu Ende gegangen. Ihr Sterben und Tod haben uns fassungslos gemacht und in tiefer gemeinsamer Trauer zurückgelassen. Uns, die Studierenden, Lehrenden, Angestellten und Arbeiter der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und viele viele Ehemalige.

Sie hat die engen Kleider dieser Welt abgelegt – die Mode- und Kostümgestalterin, die Zeichnerin Christine Perthen.

Im Herbst hat sie in einem Gespräch mit mir in ihrem unnachahmlichen Sächsisch gesagt: „Manchmal denke ich, warum habe ich soviel über den Tod und das Mädchen gezeichnet?“ Sie hat sich selber gefragt. Ob der Tod dem Mädchen die Frage jetzt beantwortet hat? Jedenfalls lässt Franz Schubert zu unserem Trost den Tod in unglaublich schönen Tönen singen: Sei guten Muts. Ich bin nicht wild, sollst sanft in meinen Armen schlafen ...

In einem Text über Kleist greift Christine Perthen den Kleist’schen Satz auf: Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war. „Wo dann?“ fragt Christine Perthen, „auf Nicht-Erden? Auf Erden heißt ja auch im Realen, im Tatsächlichen, aber auf Nicht-Erden: Das könnte heißen: im Rausch, im Traum, im Schlaf, im Tod. Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden ... – es traf mich damals (als sie 1977 den Kleist’schen Text las) – es trifft mich heute, wenngleich doch anders. 25 Jahre Leben liegen dazwischen, als Künstler, Frau, Hochschullehrer, Bühnen- und Kostümbildner.“

Sie hat in Weißensee 1967 bis 1972 Modegestaltung studiert. Die Bedeutung liegt auf Gestaltung. Schuhe waren ihr Lieblingsthema: Leisten, Material, Farbe usw. Da war ihr Sinn fürs Praktische. 1976 spannte sie nach drei Jahren Industrie-Gestalter-Dasein den Bogen ins andere Extrem. Die an Funktion und Technologie geschulte Gestalterin suchte die sehr persönliche Freiheit der Kunst. Sie wurde Meisterschülerin an der Akademie der Künste bei Prof. Werner Klemke. Seit 1993 war sie Professorin an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee im Fachgebiet Mode-Design. Sie hat die Grundlagen der Modegestaltung gelehrt.

Christine Perthen war ein seltenes Fundstück. In ihrer Person begegneten wir in unlösbarer Verbindung einer schönen Einheit des Menschlichen und des Künstlerischen, die sich begegneten, indem und wie sie als Professorin wirkte.

Das Menschliche war ihr wichtig, und sie lebte es. Das Menschliche bedeutete für sie die sehr konkret gelebte Verantwortung für die Würde alles Lebendigen. Das alte Bild vom ganzen Menschen aus Körper, Geist und Seele hat sie geliebt und gelebt. Sie verkörperte als Person Wärme und Anteilnahme statt Kälte und Ehrgeiz. Ihr eigenes Leben verbarg sie eher hinter einer leisen Distanz.

Als Künstlerin war sie trunken von der Lust zu den Linien und Flecken zum weißen Bildraum, zum Schwarzen, zu den Papieren und grundierten Flächen, zu den Schründen der Metalle, zu den Sticheln, Rouletts, Mouletts und zum Asphaltstaub usw. usw. Diese Welt des Realen, die die ganze Phantasie der Formen und Mittel herausforderte, war für sie zuerst sinnlich erlebbar. Die Sinne des Sehens, Hörens und des Fühlens waren ganz im Geiste Goethes für sie das Wichtigste für die Wahrnehmung. Aber diese wahrgenommene Realität forderte um so mehr auf zur Suche nach dem Sinn. Das Rätsel um die Widersprüchlichkeit erlebter menschlicher Existenz in Liebe und Tod war letztlich die Quelle ihrer Arbeit. Und so führte sie die Zügel der manchmal überbordenden Linien und Flecken. „Zu viele Striche werfen sie mir vor“, sagte sie getroffen und trotzig. Sie war sich gewiss, dass keine letzte Sicherheit zu kriegen war, sie stand für das Fragment. Und sie hat Fragen geliebt. Die Figur und der Raum durchdringen sich, das Verhältnis beider bleibt offen und ist verletzlich wie die menschliche Existenz selbst.

Von ihr als Professorin zu sprechen, kann für mich nur heißen, auf die Studentinnen und Studenten zu sehen. Ich habe gehört von der seltenen Fähigkeit zuzuhören, von Sensibilität, Klugheit, von streitbarem und bis zur Schroffheit direktem Wesen, von Ehrlichkeit und Offenheit, von der Fähigkeit zu begeistern. Ich habe gehört von Poesie, klarer Meinung, von Humor. „Sie war echt“, sagt eine Studentin, und eine andere „Sie war total lebendig“. „Ich habe mich bei ihr sicher gefühlt“, sagt eine Dritte – wegen Vorherigem, füge ich hinzu, damit um Gottes Willen kein Missverständnis aufkommt.

Um Christine Perthen in ihrem Denken und Lehren noch einmal anders darzustellen, schließe ich mit einem aus Zeitgründen leicht gekürzten Text einer Studentin. Christine Perthen, die selbst nicht nur das Papier, sondern auch die Sprache geliebt hat, wollte den Text auf jeden Fall besitzen. Die Studentin hat im 2. Studienjahr den Text nicht hergegeben, ihn mir aber zum heutigen Anlass selbst angeboten, den Text, der vor Jahren Christine Perthen so fasziniert hat, dass sie ihn haben wollte. Das Thema lautet „Drapierungen“, ist eine sehr konkrete Projektbeschreibung und gleichzeitig in ihrem Sinn ein Gleichnis.

Drapierungen
Drapieren bedeutet etwas kunstvoll in Falten legen,
es ist freifallende Nachahmung einer Bewegung oder Körperform;
doch auch fixierbar: Implikation von Stillstand und Bewegungslosigkeit.
Stillstehende Zeit, Starre.
Fixierungen sind nicht veränderbar, kommunizieren nicht mit dem Körper
Der kürzeste Weg einer Falte ist von oben nach unten,
die Schwerkraft kennzeichnet die Vertikale.
Die geschlossene Horizontale, die um den Körper gebildet wird,
besitzt weder Anfangs- noch Endpunkt.
Diese Falte ist unendlich, durch Fixierung am Drahtgerüst erfährt sie keinen freien Fall.
Der Raum, den sie bildet, wird konstruiert. Der Körper in diesem Raum kann sich durch die Eingrenzung nur in Selbstreflexion erfahren.
Die natürlich fallende Drapierung hat einen Anfang und ein Ende.
Etwas beginnt, hat einen Weg, wird fortgesetzt und besitzt einen Endpunkt mit Schluss.
Gelegte Falten deuten den darunter sich befindenden Körper an;
Werfen, Wölben, Bauschen auf, Schmiegen sich an, wo sich Widerstand – Körper – befindet.
Sie zeichnen den Körper nach oder betonen diesen.
Und offenbaren den Körper nach außen.
Hier Außen ein Konstruktionsgebilde aus Draht. Ringe, die miteinander verbunden sind.
Entstehung eines filigranen Raums um den Körper, ohne Körperbetonung, da der entstehende Raum nicht Nachzeichnend ist, sondern unabhängig.
Das Konstruktionsgebäude umhüllt mit Stoff: Klare Formen entstehen, die Einblicke gewähren.
Arm und Rücken sind frei.
Hier kehrt sich Innen nach Außen.
Nur hier findet Kommunikation statt,
im Zusammenspiel mit dem Gebilde und mit der Umwelt.
Das schutzumhüllende Stoff-Draht-Gerüst tritt zurück
und legt frei und bloß, was ist: den Körper in seiner Verletzlichkeit.

Mit dem Text komme ich von Christine Perthen und bin schon an ihr vorbei in den nächsten Generationen. Sind Menschen, Künstler und Lehrer wie Christine Perthen nicht ein Zeichen der fortwährenden Hoffnung und Ermutigung? Was ist tröstlicher, als wenn die Haltung solcher Menschen und Lehrer nicht im Archiv der Vergangenheit landet, sondern im Leben und Denken der nachfolgenden Generationen aufgehoben und weitergedacht wird, also in der Diesseitigkeit, um einen wichtigen Begriff von Bonhoeffer wenigstens zu nennen. Diese Diesseitigkeit – ist sie nicht eben die Welt des Realen, die Christine Perthen verlassen hat, in der sie uns zurücklässt und in der sie uns durch ihr Leben auffordert zu bleiben und neue bohrende Fragen zu stellen? Wie könnten wir ihr besser danken?"

(Bei der Trauerfeier für Christine Perthen am 15. Januar 2005 in der Evangelischen Adventkirche in Berlin gekürzt gehaltene Rede)

Kunsthochschule Berlin-Weißensee
Referat für Öffentlichkeitsarbeit
Birgit Fleischmann
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